Der Weisheit goldener Schuss – 6 Weisheiten aus einer dreistündigen Tätowiersitzung

Um Viertel nach 1, also um 1.15 des Nachts verließ ich die talentierteste und schönste Tätowiererin Berlins. Zum Abschied gab sie mir einen langen, tiefen Gute-Nacht-Kuss und was Süßes für den Weg. Wenn man nun „Gute Nacht Kuss“ mit „purem Schmerz“ und „Süßes“ mit „Frischhaltefolie“ ersetzt, kommen wir der Wahrheit ziemlich nahe. Die Dame ist vom Fach, noch nicht ewig dabei, aber besser als der Durschnitt der Berliner Studios, die nicht über eine Tattoovorlage abpausen und stechen hinausgehen und dabei nicht mal eine ordentliche Schattierung hinkriegen.

 

 

Meine Faszination für Tattoos begann an dem Tag, an dem sie eigentlich enden sollte. Mein дедушка Emil war zu Besuch und mein 10-Jähriges ich ging mit ihm durch die gutbürgerliche Südstadt spazieren. Im Laufe unseres Gesprächs (ich glaube, ich versuchte ihn für Pokémon zu begeistern) krempelte er sein Hemd hoch und auf seinen Unterarmen kamen lauter wunderlich blaue und ausgeblichene Tattoos zum Vorschein.

 

Opa erzählte wenig über ihre Herkunft und ließ die Tattoos für sich wirken. Sein Versuch mich abzuschrecken misslang. Anstatt sie hässlich und ekelhaft zu finden, war ich einfach nur fasziniert und investierte meine letzten Pfenning in Tattoo-Kaugummis. Gott, war ich rebellisch. Aber das war nur der Anfang. Mit 16 beschloss ich es doch noch mal der Pubertät alle Ehren zu machen und begab mich mit einer gefälschten Einverständniserklärung zu Harrys Tattoo Twister (Name aus datenschutzrechtlichen Gründen geändert). Ein „Totenkopf mit rosa Schleife“ später, hatte ich auch schon das Angebot mein Schulpraktikum bei dem Studio zu absolvieren und schwang zwei Wochen lang die Tattoonadel auf Schweinehaut und stach mir selbst ein Bauchnabelpiercing – ausversehen.

 

Fünf Tattoos später und ich wundere mich immer noch über Tätowierer_innen und das Tätowieren an sich. Tätowierer_innen sind schon ein komisches Volk. Einerseits sind sie Künstler, doch im Vergleich zu den „richtigen“ Künstlern verdienen sie gutes Geld. Dafür müssen sie sich mit Kund_innen rumplagen mit extra Wünschen und die auf Grund jahrelanger Grafikerfahrung natürlich ALLES besser wissen und hier und da noch gern eine klitzekleine Änderung hätten. Davon aber gleich 1000. Ich bin die unerträglichste Kundin. Vorher weiß ich immer alles besser und nachher heule ich rum, weil es so weh tut und sie doch recht hatten.

 

In dem dreistündigen tranceähnlichem Zustand während des Tätowierens gelangte ich zu folgenden Erkenntnissen.

 

1. Der menschliche Körper hat ein miserables Schmerzgedächtnis. Anders kann ich mir nicht erklären, dass ich mir das bereits zum fünften Mal gebe (ihr volltätowierten nickt mir tätschelnd zu – jaaa, ihr seid toll und macht das schon viel länger)

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2. Tätowierer_innen haben eine dicke, pulsierende, sadistische Ader. Das muss ich nicht weiter ausführen. Obwohl – wie kann man es sonst aushalten Leuten stundenlang beim Leiden zu zusehen?!

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3. Die rechte Wand ist einen winzigen Grauton heller als die Rechte. Außerdem ist der Abstand der drei Bilder nicht einheitlich.

 

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4. Heidegger hatte Recht. Neben dem Tod erscheint alles bedeutungslos. Bruce Wayne könnte jederzeit aufhören Batman zu sein – aber das tut er nicht. Es ist ein Zwang. Ohne Batman gibt es auch keinen Bruce Wayne.

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5.Tätowierer_innen sind geniale Rhetoriker. Sie verfügen über ein unglaubliches Handlungsgeschick – sonst würden vieeel mehr Menschen mit vieeeel hässlicheren Tattoos rumlaufen.

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6.Der Körper hat ein noch beschisseneres Schmerzgedächtnis als zunächst angenommen. Während ich das fertige Meisterwerk im Spiegel beobachte, bespreche ich schon das nächste Tattoo mit ihr. Das sind zwei Minuten nach stundenlangen Wimmern, Todesqualen, Nahtoderlebnis. Plötzlich ist alles vergessen. Ich zahle, umarme sie, und gehe. Als wär nichts geschehen

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9 thoughts on “Der Weisheit goldener Schuss – 6 Weisheiten aus einer dreistündigen Tätowiersitzung

    • Ich arbeite damit an unserer Leser-Autorin-Beziehung. Es muss doch noch ein letztes Geheimnis geben. Ein bisschen Spannung, Aufregung, Knister, wie damals beim ersten Mal.

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